100+ Mobbing-Handlungen nach Wolmerath und Esser

 

In Anlehnung an die 45 Mobbing-Handlungen von Prof. Leymann haben die Autoren Dr. Axel Esser und Dr. Martin Wolmerath sogenannte „Bausteine“ des Mobbings zusammengestellt und diese in zehn Kategorien unterteilt. Erstmals sind diese in der Fachzeitschrift „Arbeitsrecht im Betrieb“ Ausgabe 07/2000 als „100+ Mobbing-Handlungen“ erschienen. Die nachfolgende (aktualisierte) Aufstellung wurde dem Buch „Mobbing und psychische Gewalt“ der beiden Autoren entnommen.

Grundsätzlich gilt wie auch bei Leymann auch hier: Einzelne Handlungen daraus sind noch nicht hinreichend, um nicht auf Mobbing schließen zu können. Je mehr dieser Bausteine gegen eine einzelne Person vorkommen, desto eher kann man Mobbing annehmen.

  1. Angriffe gegen die Arbeitsleistung und das Leistungsvermögen
  • Sabotage (z. B. Verstecken von notwendigen Arbeitsmitteln)
  • Gezielte Manipulation von und mit arbeitsrelevanten Informationen (Vorenthalten, Fälschen, Verzögern)
  • Erzeugen von künstlichen Störungen, welche die Abwicklung der normalerweise gestellten Aufgaben behindern oder infrage stelle (z. B. ständige E-Mail-Anfragen)
  • Gezielte Unterdrückung von Informationen (z. B. über die Ergebnisse von Besprechungen)
  • Systematisches Aufbürden von Tätigkeiten, die mengenmäßig oder angesichts der Terminvorgaben nicht zu schaffen sind (gezielte quantitative Überforderung) kombiniert mit Drohungen oder destruktiver Kritik
  • Systematische Zuweisung von Tätigkeiten, die von der gegenwärtigen Qualifikation oder dem Informationsstand des Betreffenden nicht adäquat geleistet werden können (gezielte qualitative Überforderung) nebst Signalen von Enttäuschung und Vorwürfen über Minderbegabung
  • Regelmäßige Anordnung von sinnlosen, minderwertigen oder unterfordernden Tätigkeiten
  • Anordnung, gar keine Tätigkeit während der Arbeitszeit auszuüben (Motto: „Sie würden nur stören.“)
  • Willkürlich auf Arbeit sitzen lassen, die während eines Urlaubs angefallen ist, plus Erledigung des Tagesgeschäfts
  • Chronischer Zwang, schlechte Arbeitsbedingungen, unzureichende Ausstattung, ungünstige Lage des Arbeitsplatzes usw. hinzunehmen und trotzdem Höchstleistung erbringen zu sollen
  • Widersprüchliche oder inkonsequente Arbeitsanweisungen, sprunghaften Prioritätenänderung, jedoch garantierte Schuldzuweisung an den Ausführenden: Egal, wie Du es machst, es ist falsch
  • Blockade von gemeinsamer Tätigkeit sowie Verweigerung von Hilfe, Unterstützung und Rat
  • Überraschendes Zurückziehen einer verbindlich zugesagten Unterstützung
  • Geistiger Diebstahl, unberechtigte Aneignung von Ideen und Arbeitsergebnissen, gezieltes Unterdrücken von Verbesserungsvorschlägen
  • Gegenüber Vorgesetzten (von oben): Permanentes Anzweifeln von Kompetenz, Beschneidung der Zuständigkeit, Zurücknahmen von Anweisungen durch höhere Stellen
  • Gegenüber Vorgesetzten (von unten): Entscheidungen werden angezweifelt, Mitarbeiter leisten Dienst nach Vorschrift, Anweisungen werden (offen oder verdeckt) nicht ausgeführt oder sabotiert bzw. werden wortreich ausgeführt, ohne Anpassung auf die konkrete Problemlage
  1. Angriffe gegen das Arbeitsverhältnis
  • Absichtliche schlechte Beurteilung (im Kontrast zu vorangehenden Beurteilungen)
  • Behaupten von arbeitsrechtlichen Fehlverhalten oder Arbeitsverweigerung
  • Strafbare Handlungen werden unterstellt oder zur Anzeige gebracht (jedoch ohne echten Beleg)
  • Überraschende Vorladung zum Personalgespräch mit dem Charakter eines Tribunals; massive Beschuldigungen ohne Verteidigungsmöglichkeit; ultimative Aufforderung zum Unterschreiben eines Auflösungsvertrags
  • Erforderliche Fort- und Weiterbildungsvorhaben werden gezielt verhindert, eine Beförderung wird blockiert
  • Rufschädigung oder „Anschwärzen“ bei Vorgesetzten oder der Personalabteilung
  • Willkürlich ausgesprochene Abmahnungen, Versetzungen oder Kündigungen
  • Willkürliches Zurückbehalten von Entgelt, Spesen, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld
  • Unterstellung psychischer Erkrankungen
  1. Destruktive Kritik
  • Demütigende, unsachliche, überzogene, harsche, gnadenlose Kritik
  • Aufbauschen einzelner Vorfälle, öffentliche Inszenierung von Vorwürfen
  • Generelle Abwertung der Person, chronische Entmutigung, pauschale Kritik („unfähig“)
  • Akribische Fehlersuche (z. B. Dauerkontrolle bei der Arbeit, Überprüfen alter Unterlagen)
  • Von anderen begangene Fehler werden dem Betroffenen angelastet
  • Selektive Kritik (Fehler machen alle, nur eine bestimmte Person wird dafür kritisiert)
  • Unterdrücken von Verbesserungsvorschlägen und –bemühungen
  • Fehler provozieren (z. B. durch unklare Anweisungen, Zeitdruck), um sie dann auszuschlachten
  • Fingierte Beschwerden durch Dritte (z. B. gefälschte E-Mails)
  1. Angriffe gegen die soziale Integration
  • Demonstrative Sonderbehandlung in der Alltagskommunikation (z. B. besonders unhöflicher, ruppiger, abweisender Umgang oder demonstrativ überfürsorgliche Behandlung)
  • Ausschließen aus üblichen gegenseitigen Freundlichkeiten im Kollegenkreis
  • Räumliche Isolation (z. B. Zuweisung eines abgelegenen Arbeitsplatzes)
  • Soziale Isolierung (z. B. Unterbinden von persönlichen Kontakten, Ausschluss aus sozialen Netzwerken)
  • Ausschließen aus der Alltagskommunikation und informellen Kontakten (Sozialräume)
  • Unterdrücken von Meinungsäußerungen des Betroffenen (z. B. den Mund verbieten)
  • Demonstratives Schweigen im Beisein des Betroffenen
  • Ignorieren von Fragen, Hilfeersuchen sowie Kooperationsangeboten des Betroffenen
  1. Angriffe gegen das soziale Ansehen im Beruf
  • Persönliche Beleidigung und/oder Demütigung im Beisein Dritter
  • Lächerlich machen (z. B. verbal, mit Mimik, mit Gestik, durch Karikatur)
  • Rufschädigung durch soziale Netzwerke
  • Dem Betroffenen öffentliche Böswilligkeit, Fahrlässigkeit und/oder Egoismus unterstellen
  • Gezielte Provokation, um die emotionale Reaktion des Betroffenen zu diskreditieren
  • Verbreiten von sensiblen persönlichen Informationen in der Betriebsöffentlichkeit
  • Gezielte Verbreitung von beruflich abqualifizierenden Informationen (aufgebauscht, erfunden)
  1. Angriffe gegen das Selbstwertgefühl
  • Vorwurfsvolle Kommentare, welche die formale Qualifikation oder Position des Betroffenen in „unerklärlichen“ Gegensatz zu seinem Handeln darstellen: Das müssten Sie doch wissen! Sie sind doch die Fachkraft!
  • Orientierungs- oder Sachfragen des Betroffenen als Beleg für Inkompetenz ummünzen
  • Aufbauschen oder Herumreiten auf Fehlern, welche der Betroffenen selbst kritisiert oder abstellen will
  • Bekräftigen des Selbstzweifels des Betroffenen, in Form vorgetäuschten Mitgefühls
  • Gesundheitliche (psychische) Belastungsfähigkeit oder Eignung absprechen (z. B. nach durchgeführten BEM)
  • Demütigende Sonderbehandlung durch anspruchslose Aufgaben und herablassendes Lob dafür
  • Übertriebene Kontrolle sowie berufliche Entmündigung bei Neu-Einsteigern
  • Gezielte Überforderung oder Desorientierung bei der Delegation von Aufgaben oder Projekten
  • Gezieltes Vorenthalten von erforderlichen Informationen, Insiderwissen und praktischer Unterstützung zur Überwindung beruflichen Unsicherheit
  • Peinliche „Selfies“ oder intime E-Mails über soziale Netzwerke verbreiten
  1. Scheck, Angst und Ekel erzeugen
  • Angst provozieren (z. B. symbolische Todesdrohungen, Einsperren)
  • Schrecksituationen erzeugen (z. B. Auflauern in einem dunklen Flur oder in der Tiefgarage, Kurzschuss herbeiführen)
  • Ekel erzeugen (z. B. stinkende oder unappetitliche Materialien am Arbeitsplatz deponieren)
  • Verbal einschüchtern, körperliche Gewalt androhen oder anwenden
  • Geistige Gesundheit anzweifeln, Anordnung, beim Arzt die psychische Gesundheit prüfen zu lassen
  • Mobber drohen mit juristischen Schritten, falls der Betroffene das Wort „Mobbing“ benutzt
  1. Angriffe gegen das Privatleben
  • (Nächtlicher) Telefonterror zu Hause, mutwilliger Bestellterror via Internet
  • Familienangehörige ängstigen, angreifen, belästigen oder bei ihnen Rufmord betreiben
  • Gezielte Manipulation und Schlechterstellung bei Urlaub und Freizeitausgleich
  • Aufdringliche Anrufe zu Hause aus vorgeschobenen dienstlichen Anlässen oder Aufforderung, zur Arbeit zu erscheinen (z. B. trotz Urlaub oder Arbeitsfrei)
  • Sachbeschädigung an privaten oder beruflich genutzten Gegenständen (z. B. Auto zerkratzen)
  • Unbefugtes, abwertende Verbreiten von privaten Informationen. Ständiges Herabsetzen privater Vorlieben, Interessen und Tätigkeiten des Betroffenen in der der Betriebsöffentlichkeit
  • Ständiges Abwerten religiöser, politischer oder weltanschaulicher Überzeugungen des Betroffenen
  • Mobbing-Handlungen über Privat-Accounts von sozialen Netzwerken
  1. Angriffe gegen die Gesundheit und die körperliche Unversehrtheit
  • Offene oder als Missgeschick getarnte körperliche Übergriffe und Gewaltanwendungen
  • Unterlassene Hilfeleistung bei Verletzungen und in Gefahrensituationen
  • Gezielte Anordnung von gesundheitsgefährdenden Tätigkeiten, insbesondere in Kenntnis gesundheitlicher Vorschädigungen des Betroffenen (z. B. Asthmatiker in staubige Räume)
  • Heimlicher Abbau von Sicherheitsvorrichtungen, Verschwinden lassen von Schutzmitteln
  • Heimliche Gabe von Medikamenten, Drogen oder Alkohol
  • Sexuelle Belästigung
  • Verunreinigung von Lebensmitteln des Betroffenen
  • Betroffenen zur Selbsttötung auffordern
  1. Unterlassene Hilfeleistung
  • Ignorierenden des Hilferufs, keine sachliche Prüfung der Beschwerde
  • Beschwerde wird verharmlost und relativiert (häufig gegenüber Vorgesetzten)
  • Statt Hilfe Vorwürfe und Schuldzuweisungen gegenüber den Betroffenen
  • Verbot für den Betroffenen, das Wort „Mobbing“ zu benutzen
  • Aus Selbstschutzgründen wollen sich Außenstehende nicht äußern und nicht helfen
  • Duldung von Mobbingvorgängen durch direkte Vorgesetzte

Quelle:
Axel Esser, Martin Wolmerath: „Mobbing und psychische Gewalt“, 9. Auflage BUND-Verlag, S. 35ff

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