Wie weit ist Burnout verbreitet? – Seltsame Statistiken!

 Grafik/Statistik im Aufbau

Für meine Veranstaltungen zum Thema Burnout möchte ich natürlich meinem Publikum auch verlässliche Zahlen zur Verbreitung von Burnout erhalten, jedoch bin ich bei meinen Recherchen auf sehr seltsame Zahlen und Erkenntnisse gestoßen.

Von einem absolut seriös arbeitenden Kollegen kenne ich die folgenden Zahlen: es wären bis zu 9 Millionen Personen bei 34 Millionen Erwerbstätigen von Burnout betroffen. Als Datenquelle gibt er eine Pressemitteilung der AOK aus dem Jahr an.

Dort wird jedoch im Originaltext der folgende Schluss gezogen:
Hochgerechnet auf mehr als 34 Millionen gesetzlich krankenversicherte Beschäftigte in Deutschland bedeutet dies: „Knapp 100.000 Menschen mit insgesamt mehr als 1,8 Millionen Fehltagen wurden danach im Jahr 2010 wegen eines Burnouts krankgeschrieben“, so Schröder vom WIdO.

In einem anderen Fall leitet ein Coaching-Institut in Deutschland aus den Daten des Fehlzeitenreports der Techniker Krankenkasse sogar „bis zu 13 Millionen Burnout-Betroffene“ ab. (Ich nenne diese Quelle bewusst nicht, aber eine Suche bei Google mit den Suchworten „Burnout“ und „Verbreitung“ tun ihr übriges. In meinem Fall der Abruf am 04. Mai 2018.)

Bis hierher sind die Zahlen erschreckend, insbesondere damit wäre jeder dritte bis vierte Erwerbstätige von Burnout betroffen. Können diese Zahlen stimmen?

Dies kann ich so selbst jedoch nicht so beobachten. Trotz des immer stärker steigenden Arbeits- und Leistungsdrucks, der auch objektiv den Erwerbstätigen zu schaffen macht.

Bezogen auf die gesamte Prävalenz der Deutschen Bevölkerung, dass mindestens jede(r) Dritte im Laufe seines Lebens mindestens einmal an einer psychischen Störung erkrankt, sind diese Zahlen nachvollziehbar, aber speziell auf Burnout bezogen kann ich auf keinen Fall diese Millionenzahlen auch beim besten Willen nicht aus den Quellen herauslesen.

Laut Statistischen Bundesamts betrugen die gesamten Behandlungskosten für psychische Erkrankungen 44 Milliarden Euro für das Jahr 2015, darin sind noch nicht die volkswirtschaftlichen Schäden durch Produktionsausfall, Lohnfortzahlung etc. eingerechnet. Dieses Ausfallpotential wird noch nicht berücksichtigt.

Im Folgenden habe ich mir zu den Zahlen eigene Berechnungen gemacht:

Zur Entwicklung von Burnout-Fällen auf Basis der AOK-Daten bis 2016 habe ich auch noch die folgende Quelle gefunden:

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/239872/umfrage/arbeitsunfaehigkeitsfaelle-aufgrund-von-burn-out-erkrankungen/

In dieser wird die in den letzten Jahren steigende Zahl von Burnout-Diagnosen gut sichtbar. Es handelt sich hier speziell um die Diagnose Z73.0 nach dem ICD-10.

Hier werden 5,3 Burnout-Betroffenen je 1.000 AOK-Versicherten für das Jahr 2016 angegeben. Hochgerechnet auf die Zahl der Erwerbstätigen im Jahr 2016 von 43 Millionen Erwerbstätigen (laut Bundesamt für Statistik), komme ich auf rund 228.000 Burnout-Betroffene.  

Aktualisierung am 23.06.2018:

Das Robert-Koch-Institut schätzt in der DEGS1 Studie (2012) die Lebenszeitprävalenz in der gesamten Bevölkerung speziell für Burnout auf 4,2%. Umgerechnet auf 45 Millionen Erwerbstätige entspräche dies 1,89 Millionen potentieller Betroffener.

Und dann stoße ich auf eine Studie der Universität Dresden zur Verbreitung von Burnout, die besagt, dass eine Aussage über die Häufigkeit von Burnout aufgrund des Fehlens von einheitlichen Kriterien derzeit nicht zu verlässig möglich ist.

 

Fazit:

Burnout als eine Position unter der Vielzahl der psychischen Erkrankungen ist dennoch nicht zu verachten. Bezogen allein auf die ICD-10 Diagnose Z73.0, welche standardmäßig für Burnout verwendet wird, aber nur als Zusatzdiagnose vergeben wird, weil für diese keine Abrechnung bei den Krankenkassen angegeben werden, waren hochgerechnet unter den 43 Millionen Erwerbstätigen im Jahr 2016 mindestens 228.000 Burnout-Betroffene. Meist verbirgt sich aber noch hinter vielen psychischen Diagnosen (ICD-10: F-Diagnosen) so mancher Burnout, dieser wäre aber nicht selbst abrechnungsfähig – weder für Ärzte noch für Psychotherapeuten. Daher wird diese nicht unbedingt als Z73.0 verschlüsselt.

Jedoch die Millionenangaben von Betroffenen, die verschiedene Anbieter von Coaching angeben, sind faktisch unseriös und dienen nur dem Marketing. Hier wird Burnout mit psychischen Erkrankungen in einen Topf geworfen. Hier wünsche ich mir künftig mehr Präzision und Ehrlichkeit in der Sache. Nichts destotrotz zeigt die steigende Zahl an diagnostizierten Burnouterkrankungen, dass Vorbeugung dennoch notwendig ist. Abschließend kann man nur feststellen, dass besonders dramatisch hohe Zahlen besonders kritisch zu betrachten sind.

Quellen:
1. Pressemitteilung der AOK 19. April 2011:

https://www.wido.de/aktuelles/archiv/meldung-archiv/artikel/burnout-auf-dem-vormarsch.html

2. Fehlzeitenbericht der TK 2012:

https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwjnm_Ow7OzaAhWkFZoKHbnoDp4QFgg2MAE&url=https%3A%2F%2Fwww.tk.de%2Fresource%2Fblob%2F2026670%2F4d90e901bdde1667ffcb823a4a73edf2%2Fgesundheitsreport-2012-data.pdf&usg=AOvVaw06u-xcjMoLkHSZE859fG8Z

3. Dresdner Burnout Studie

https://burnout-studie.psych.tu-dresden.de/node/3

4. Bundesamt für Statistik - Statistisches Jahrbuch 2017:

https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwjwk8vx7-zaAhWIUhQKHZuhDO0QFgg2MAE&url=https%3A%2F%2Fwww.destatis.de%2FDE%2FPublikationen%2FStatistischesJahrbuch%2FArbeitsmarkt.pdf%3F__blob%3DpublicationFile&usg=AOvVaw0HHHD1L2zp-hwTFl3bWzht

5. Bundesamt für Statistik - Krankheitskosten 2015:

https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Gesundheit/Krankheitskosten/KrankheitskostenJahr2120721159004.pdf?__blob=publicationFile

6. Ergebnisse der DEGS1-Studie:

https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0035-1552702

 

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