Burnout-Prozess nach Herbert Freudenberger und Hilfemöglichkeiten

 

Stufen

Herbert Freudenberger war amerikanischer Psychiater und hat in der Literatur erstmals das Burnout-Syndrom beschrieben als auch den Begriff „Burnout“ eingeführt. Es existieren noch eine Reihe weiterer Phasenmodelle eines Burnout-Verlaufs, die je nach Modell zwischen vier und zwölf Stufen unterscheiden. Wer sich hier tiefergehend informieren möchte, dem lege ich das Buch „Das Burnout-Syndrom“ von Prof. em. Matthias Burisch ans Herz.

Nachstehend wird der Verlauf des Burnouts nach den zwölf Stufen von Herbert Freudenberger beschrieben und anschließend anhand dessen entsprechende Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten.

 

Die 12 Stufen des Burn-out Syndroms

zitiert nach Herbert Freudenberger & Gail North (Freiburg, 1992)

Stufe

Beschreibung Hilfemöglichkeiten

Stufe 1:
Der Zwang sich zu beweisen

  • Besondere Begeisterungsfähigkeit für die Arbeit
  • Erhöhte Erwartungen an sich selbst
  • Übersehen eigener Grenzen und Zurückstellen eigener Bedürfnisse
Vorbeugung durch Coaching und Supervision

Stufe 2:
Verstärkter Einsatz

  • Besondere Bereitschaft zur Übernahme von neuen Aufgaben
  • Freiwillige Mehrarbeit und unbezahlte Überstunden, auch an freien Tagen, am Wochenende und in der Urlaubszeit
  • Gefühl der Unentbehrlichkeit
Vorbeugung durch Coaching und Supervision

Stufe 3:
Vernachlässigung eigener Bedürfnisse

  • Chronische Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
  • Mehrkonsum von Kaffee, Aufputschmitteln bzw. Zigaretten
  • Gelegentliche Schlafstörungen
Vorbeugung durch Coaching und Supervision

Stufe 4:
Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen

  • Fehlleistungen wie z.B.: Vergessen von Terminen, Nichterledigen von versprochenen Aufgaben, Ungenauigkeit, Energiemangel, Schwächegefühl
  • Aufgabe von Hobbys
Vorbeugung durch Coaching und Supervision

Stufe 5:
Umdeutung von Werten

  • Abstumpfung und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Meiden privater Kontakte, die als belastend empfunden werden
  • Probleme mit dem Partner/der Partnerin, mit Zeichen des Beziehungs-Burn-outs
Vorbeugung durch Coaching und Supervision

Stufe 6:
Verstärkte Verleugnung aufgetretener Probleme

  • Gefühl mangelnder Anerkennung, Desillusionierung
  • Widerstand, täglich zur Arbeit zu gehen, Arbeitszeiteinstellung, die als innere Kündigung bezeichnet werden kann
  • Vermehrte Fehlzeiten, verspäteter Arbeitsbeginn, vorverlegter Arbeitsschluss
Vorbeugung bzw. Krisenbegleitung durch Coaching und Supervision

Stufe 7:
Rückzug

  • Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit, Ohnmachtsgefühle, innere Lehre
  • Ersatzbefriedigung durch Essen, Alkohol, Drogen, Spielen, Sexualität
  • Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit, Ungenauigkeit, Desorganisation, Entscheidungsunfähigkeit
  • Psychosomatische Reaktionen, Gewichtsveränderungen, Herzklopfen, Bluthochdruck

 

Vorbeugung bzw.
Krisenbegleitung durch Coaching und Supervision, ggf. ärztl. Behandlung und/oder Psychotherapie notwendig.

Stufe 8:
Deutliche Verhaltensänderung

  • Eigenbrötelei, Selbstmitleid, Einsamkeit, ärgerliche Reaktionen auf gut gemeinte Zuwendung
  • Verringerte Initiative – verringerte Produktivität: Dienst nach Vorschrift
  • Verflachung des sozialen Lebens: Gleichgültigkeit, Gefühl der Sinnlosigkeit und wenig persönliche Anteilnahme an anderen, Meidung beruflich-sozialer Kontakte

 

Vorbeugung bzw.
Krisenbegleitung durch Coaching und Supervision, ggf. ärztliche Behandlung und/oder Psychotherapie notwendig.

Stufe 9:
Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit

  • Entfremdung, Gefühl des Abgestorben-seins und innere Leere
  • automatenhaftes Funktionieren
  • Psychosomatische Reaktionen treten noch mehr in den Vordergrund
Psychotherapie und/oder ärztliche Behandlung notwendig

Stufe 10:
Innere Leere

  • Wechsel zwischen starken schmerzhaften Emotionen mit dem Gefühl des inneren Abgestorben-seins
  • Phobische Zustände, Panikattacken und Angst vor Menschen
  • Einsamkeit, negative Einstellung zum Leben
  • Fallweise exzessive sinnliche Befriedigung, z.B.: Kaufräusche, Fressattacken, exzessiver Sex ohne wirkliche Befriedigung
Psychotherapie und/oder ärztliche Behandlung notwendig

Stufe 11:
Depression und Erschöpfung

  • Negative Einstellung zum Leben, Hoffnungslosigkeit
  • Erschöpfung, starker Wunsch nach Dauerschlaf
  • Existenzielle Verzweiflung, Selbstmordgedanken und -absichten
Ärztliche Behandlung und Psychotherapie, ggf. stationär z. B. in Fachkliniken notwendig

Stufe 12:
Völlige Burnout-Erschöpfung

  • Lebensgefährliche geistige, körperliche und emotionale Erschöpfung
  • Angegriffenes Immunsystem, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen
  • Suizidalität, Selbstmordgefahr
Ärztliche Behandlung und Psychotherapie, ggf. stationär z. B. in Fachkliniken notwendig

 

Hilfemöglichkeiten und Empfehlungen je nach Phase:

 

Kurzübersicht der Stufen

Stufe 1: Der Zwang sich zu beweisen

Stufe 2: Verstärkter Einsatz

Stufe 3: Vernachlässigung eigener Bedürfnisse

Stufe 4: Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen

Stufe 5: Umdeutung von Werten

Stufe 6: Verstärkte Verleugnung aufgetretener Probleme

Stufe 7: Rückzug

Stufe 8: Deutliche Verhaltensänderung

Stufe 9: Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit

Stufe 10: Innere Leere

Stufe 11: Depression und Erschöpfung

Stufe 12: Völlige Burnout-Erschöpfung

 

Wichtiger Hinweis: Nicht jede Stufe muss sich in eindeutiger Weise zeigen; d. h. die einzelnen Stufen können auch ineinander übergehen bzw. sich überlappen und sind zuweilen nicht klar zu trennen.

Das Stufenmodell teile ich in der Mitte zwischen den Stufen 6 und 7. In die „gesunde“ und die „behandlungsbedürftige“ Hälfte. Die Begriffe „gesund“ und „behandlungsbedürftig“ sind eine bewusste Wortwahl, die zwar eine Grundtendenz zeigen aber nicht unbedingt ihren ursprünglichen Wortsinn entsprechen müssen, daher die Begriffe auch in Anführungszeichen.

Stufe 1 bis 6 – der „gesunde“ Bereich:

In diesem Bereich ist man für das Thema Burnout bei den Ärzten eher unauffällig. Erst im Grenzbereich der Stufen 6 und 7 könnten speziell bei Fehlzeiten (Krankschreibung) eventuell Hausärzte, die die Betroffenen länger kennen aufmerksam werden. Das grundsätzliche Problem dabei ist, dass sowohl Betroffene sich selbst als auch oft betreuende Ärzte (i. d. R. Hausärzte) diese selbst für grundsätzlich gesund erachten. Und an einen Psychotherapeuten will von den Betroffenen in dieser Situation niemand denken, man ist nicht psychisch krank oder man hat ja „keinen an der Klatsche“.
Als Vorbeugung von Burnout können hier effektiv nur Coaching und Supervision ansetzen. Da diese Beratungsformate grundsätzlich nur mit psychisch Gesunden arbeiten.
An dieser Stelle gibt es auch keine echten (finanzielle) Anreize im Gesundheitssystem hier präventiv tätig zu werden. Sollten an dieser Stelle Ärzte anderer Meinung sein, nehme ich gerne entsprechende Hinweise und Vorschläge mit auf.

Stufe 7 bis 12 – die „behandlungsbedürftige“ Stufen:

In diesem Bereich ist unbedingt professionelle Hilfe angesagt: sei es durch Coaches und Supervisoren, Heilpraktiker, Ärzte oder Psychotherapeuten. Im Grundsatz sollte allerdings eher der Weg zum Arzt oder zum Psychotherapeuten führen. Seriöse Coaches und Supervisoren empfehlen diesen Weg auch den Betroffenen. Heilpraktiker führe ich bewusst auf, da es auch genügend Betroffene gibt, die der Schulmedizin vorrangig misstrauisch gegenüberstehen. Und Heilpraktiker dürfen in engen Grenzen bei Burnout auch Heilbehandlungen und Psychotherapie leisten. Wenn aber diagnostisch erkennbar gewisse Grenzen erreicht sind, müssen auch diese zu einem Arzt oder einem Psychotherapeuten verweisen.

Die Betrachtung der einzelnen Stufen

Stufe 1 bis 3: Die ersten drei Stufen können gelegentlich wieder einmal auftreten.
Wenn aber immer wieder z. B. das Gefühl der Unentbehrlichkeit, die Vernachlässigung eigener Bedürfnisse über längere Zeit andauern oder überhöhte Erwartung an sich selbst über längere Zeit andauern oder immer wieder auftreten, können Coaching und Supervision als Vorbeugung hilfreich sein, um neue Strategien für die Lebensführung zu entwickeln.

Das Gefährliche daran ist, dass sich auch viele hoch engagierte Leistungsträger in einer Organisation so verhalten. Aus der Sicht vieler Führungskräfte ist dies ein Zustand der gepflegt und erhalten werden sollte. Ein Irrglaube, der selbst bei einer späteren Krankphase wegen Burnouts oft nicht als solcher erkannt wird.

Stufe 4 bis 8: Coaching und Supervision sind hier sinnvoll, da Betroffene in ihrem Verhalten nach und nach immer mehr Schwierigkeiten im privaten als auch beruflichen Kontext erleben. Probleme mit Partner bzw. der Partnerin, der Familie, Freunden und Bekannten werden mit Rückzug beantwortet.
Gerade wenn der private Bereich als Unterstützung wegbricht, steigt die Belastung auch im beruflichen Rahmen. Und damit beginnt ein schleichender Teufelskreis, der das Fortschreiten im Burnout-Prozess beschleunigt.
Je weiter die Phase, in welcher die Betroffenen sind, umso mehr wandelt sich in der Beratung der Charakter von der Vorbeugung zur Krisenbegleitung.

Ab Stufe 7 bewegen sich Coaching und Supervision in einem Grenzbereich. Hier kann es sinnvoll sein zusätzlich ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Alternativ kann – wenn dort mehr Vertrauen bei den Betroffenen herrscht – ein Heilpraktiker konsultiert werden. Gerade bei körperlichen (somatischen) Beschwerden sind Supervisoren und Coaches verpflichtet zusätzlich auch auf eine Abklärung von einem Arzt zu verweisen. Für Heilpraktiker gilt dies ebenso, soweit dies deren eigenen fachlichen Grenzen überschreitet.

Stufe 9 bis 12: Ab Stufe 9 sind nach meiner Auffassung die Grenzen von Coaching und Supervision erreicht. Hier kann nur noch höchsten psychische Stabilisierungsarbeit bis zum Beginn einer Psychotherapie geleistet werden. Die Empfehlung für eine Abklärung durch einen Arzt ist ab dieser Phase ist absolute Pflicht. Es kann auch die Notwendigkeit einer medikamentösen Behandlung der Betroffenen notwendig sein, damit diese z. B. therapiefähig werden.

Die weitere Unterstützung durch Coaching und Supervision sollte bis zum Abschluss der Behandlung nur in Absprache mit dem zuständigen Arzt und/oder Psychotherapeuten durchgeführt werden.

 

In den Stufen 11 bis 12 ist wegen der akuten Gesundheitsgefahr ist eine ärztliche Behandlung unbedingt notwendig, ggf. eine stationäre Einweisung und Behandlung wegen Selbstmordgefährdung. Bei akuter Suzidgefahr ist das nächste Krankenhaus mit psychiatrischer Abteilung die erste Wahl.

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Kommentare   

0 # Michael Bäcker 2018-11-02 09:45
Danke für die Informationen zum Burnout-Prozess. Die Mutter einer Freundin hatte vor 3 Jahren einen Burn-Out. Sie muss immer noch behandelt werde und hat mit den Folgen zu tun.
http://www.psychotherapie-innsbruck.at/de/therapieausrichtung/burn-out/
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0 # Dominik Peschke 2018-12-04 13:06
Gern geschehen.
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